Interview & Portrait | Jonas Lang
Da war stets der Wunsch nach Unternehmertum!
Das ist der zweite Teil unseres Interviews. Den ersten findet ihr hier: LINK
Kompakt IHK:
Im Gespräch formulierst du, wie wohl du dich auf der Arbeit fühlst. Woher kommt der Wunsch – trotz Zufriedenheit im Unternehmen – jetzt in die Selbstständigkeit zu gehen?
Jonas Lang:
Wenn ich zurückdenke, war da stets dieser Wunsch nach unternehmerischer Tätigkeit. Die erste Tätigkeit in meinem Leben muss Ende der 90er gewesen sein. Meine Eltern wollten verblühte Disteln abschneiden und wegschmeißen, aber ich fand diese Kugeln zu schade zum Wegwerfen.
Ich habe mich morgens hochmotiviert vor das Haus meiner Eltern an die Straße gesetzt, mit einem kompletten Sortiment an Distelsamen, die ich vorher liebevoll gezupft, sortiert und einzeln in kleine Tüten aus Brotpapier verpackt hatte. Ich war quasi geschäftsbereit für den großen Ansturm. Eine Marge von 100 % war mich sicher.
Der unternehmerische Erfolg hielt sich allerdings in Grenzen – das Haus meiner Eltern liegt nämlich als letztes Haus in der Straße in einer Sackgasse, und nach meiner Erinnerung kam an diesem Tag kein einziger Kunde vorbei. Maximal ein verwundernder Blick der Nachbarn. Mein erstes Geschäftsmodell ist also krachend an der Verkehrsplanung meiner Heimatstraße und der Nachfrage gescheitert.
Kompakt IHK:
Scheitern ist auch eine wichtige Erfahrung in dem Prozess.


Jonas Lang:
Eine andere unternehmerische Aktion habe ich zusammen mit meinem längsten Freund Andre gestartet: Wir haben Salatköpfe angebaut und sind damit von Tür zu Tür gezogen – und tatsächlich auch einige verkauft. Im Rückblick würde ich sagen, das war meine erste Lernkurve als Unternehmer was Markt und Kunde angeht und das vor meinem 10. Geburtstag.
Andre ist bis heute mein Wegbegleiter.
Umso schmerzhafter war es für mich, ihn als meinen Mitarbeiter bei BELFOR „zurückzulassen, als ich meinen eigenen Weg gegangen bin. Aber er ist dort gut aufgehoben. Heute arbeiten wir auf anderem Wege gelegentlich trotzdem noch zusammen – die Branche ist eben klein.
Nach dem Studium hatte ich dann den Gedanken einer Selbstständigkeit erstmal zur Seite gelegt, weil mir klar war, dass das nicht der einfachste Weg sein würde und Berufserfahrung das A und O ist. Das haben mir auch alle um mich herum geraten: „Arbeite erst mal, guck und dann entscheide“.
Nach 10 Jahren als Bauingenieur im Konzern brauche ich jetzt aber eine Veränderung und ehrlich gesagt hätte ich nicht ganz so lange damit warten sollen.
Kompakt IHK:
Mit all der Berufserfahrung und deiner Masterarbeit im Rücken öffnest du dein eigenes Sachverständigen- und Ingenieurbüro für Schäden an Gebäuden, spezialisiert auf Versicherungsschäden.
Jonas Lang:
Mein Argument war immer „Du musst nur eine Nuance besser sein als der Durchschnitt und du kannst davon leben“. Und das traue ich mir zu. In den zehn Jahren habe ich sehr viele Leute kennengelernt, bei denen ich gedacht habe „wie macht der das?“. Also wenn diese Leute davon leben können, dann kann ich das erst recht. Natürlich ist das nicht mein alleiniger Anspruch, aber es gibt einem unglaublich viel Mut mit der Selbstständigkeit zu starten. Und dieser Punkt ist der Herausforderndste überhaupt, das Loslegen!
„Du musst nur eine Nuance besser sein als der Durchschnitt und du kannst davon leben. Und das traue ich mir zu.“
Viele Leute lieben ihre Komfortzone, machen sich da richtig schön breit und finden ihre persönliche Erfüllung vielleicht im privaten Bereich oder in Hobbys. Und für mich war mein Hauptargument, dass ich einen Job machen möchte, bei dem ich nie in Rente gehen möchte.
Kompakt IHK:
Hast du Tipps, wie man als Neu-Selbstständiger Kontakt zu Kundschaft aufbaut?
Jonas Lang:
Natürlich sind meine Kunden alle Versicherungen, die Gebäude versichern. Da gibt es deutlich mehr, als man denkt.
Durch Kontakte habe ich vor Kurzem erst ein Vertriebsgespräch bei einer großen Versicherung gehabt. Den Termin habe ich genutzt, um mich dort vorzustellen und denen ganz offen zu sagen, was mein Plan ist, warum und wieso, was meine Motivation ist, was meine jetzige Tätigkeit ist und was ich vorhabe.
Und die waren sehr begeistert: „Herr Lang, Sie haben sich genau zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort selbstständig gemacht. Dort, wo sie ihr Unternehmen gegründet haben, haben wir einen weißen Fleck bezüglich Sachverständigen auf der Karte.“ Das ist also eine Riesenchance für mich.

Jonas Lang (35) ist Bauingenieur und seit zehn Jahren im Baukonzern bzw. als Baudienstleiter unterwegs. Sein Werdegang startete im Maschinenbau und ging dann ins Bauingenieurwesen über, um, wie er sagt, beruflich nochmal neu anzufangen. Und dies tut er jetzt seit zehn Jahren in Konzernstrukturen. Letztes Jahr dann der entscheidende Schritt: die erste Selbstständigkeit.
Mehr Infos über Jonas auf sandundblau.de


Kompakt IHK:
Also eine Mischung aus Glück und Bauchgefühl?
Jonas Lang:
Ein passendes Netzwerk ist wichtig. Ich möchte sehr nachhaltige Kontakte aufbauen, mit denen ich dann partnerschaftlich Jahrzehnte zusammenarbeiten kann.
Der Wechsel von der Führungskraft in der Ausführung zum Sachverständigen erfordert ein echtes gedankliches Umdenken. Wer früher selbst Leistungen erbracht und Angebote geschrieben hat, muss als Sachverständiger lernen, die erbrachten Leistungen anderer objektiv und mit der nötigen Distanz zu beurteilen. Genau dieses Umdenken halte ich für entscheidend, um der neuen Rolle und meinen Kunden gerecht zu werden. Deshalb gehe ich das erste Jahr bewusst ruhig und konzentriert an, statt auf schnellen Umsatz zu setzen.
Kompakt IHK:
Das klingt nach einem sehr strukturierten, zielstrebigen und nachhaltigen Vorgehen. Welche Hürden und Herausforderungen standen dir bei deinem Prozess in die Selbstständigkeit im Weg?
Jonas Lang:
Die größte Herausforderung war: Womit fange ich an – Domain, Handynummer, Firmenkonto? Was baut worauf auf? Ziel war es, so wenig wie möglich im Nachgang ändern zu müssen.
Und die steuerlichen Themen. Also wichtig war mir, einen Steuerberater für eine Kapitalgesellschaft zu finden, der mich übernimmt und seriös ist. Von allen Seiten habe ich gehört, wie groß diese Herausforderung ist.
Auf Empfehlung meines eigenen Steuerberaters habe ich den Kontakt zu einer Kollegin erstellt. Und das hat mir am meisten Ruhe gegeben. Denn ich wusste, meine steuerlichen Themen sind in guten Händen.
Kompakt IHK:
Eine gute Orga rettet vor Chaos. Wie war für dich die Orga des Lehrgangs?
Jonas:
Die Orga war sehr gut. Ich habe mich alle Tage wohlgefühlt und zu keinem Zeitpunkt das Gefühl gehabt, „Da hätte der Trainer Jochen sich ein bisschen besser kümmern können“. Auf keinste Weise. Ich war wirklich zufrieden. Ich meine das auch ernst, dass ich das jedem weiterempfehle – egal in welcher Position und egal, ob die Leute vorhaben, der Unternehmensberatung zu arbeiten, oder allein um den Erfahrungsaustausch zu haben und oder so eine strukturierte Herangehensweise kennezulernen.
Ganz salopp gesagt:
„Einer Kassiererin oder einem Kassierer, die bei Aldi an der Kasse arbeiten, würde ich das auch empfehlen. Einfach, um mal zu verstehen, warum agiert mein Arbeitgeber so, wie er agiert.“
Aber auch um selbst für sich weiterzukommen und zu entscheiden: „Diese Punkte laufen hier gut und diese Punkte laufen hier schlecht“. Und um den eigenen Arbeitgeber zu bewerten: „Ist das ein guter Laden oder ein schlechter Laden? Und was haben sie im Griff und wo haben sie Nachholbedarf?“ Allein dafür ist der Lehrgang Gold wert.
Kompakt IHK:
Wie wertvoll deine Einblicke für andere Neu-Unternehmer/innen sind, danke dafür! Wir bleiben gespannt und wünschen dir viel Erfolg!
